Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte
Es ist, als wäre ich versehentlich in eine Weihnachtsgeschichte hineingerutscht, kein Wunder, schliesslich sind Wanderwege und Strassen bei uns droben stellenweise ziemlich veriest. Dabei hatte ich doch eigentlich etwas ganz anderes vor.
In unseren Blogs berichte ich ab und zu auch über unsere Lieferanten; von den Menschen, die dafür sorgen, dass bei uns im Heimeli gute Dinge auf den Tisch kommen. Diesmal sollte es David Zippert, unser Schafkäselieferant, sein. Und weil ich finde, dass man über besondere Lieferanten auch besondere Geschichten schreiben darf, fragte ich David, ob ich ihn und seine Familie einmal beim „Stella“ begleiten dürfe.
Stella – bedeutet, die Schafe (oder Vieh allgemein) von einem Ort zum anderen zu bringen. Vom Sommer- ins Winterquartier, vom Berg ins Tal, von einem Zuhause ins nächste. Vielleicht ist es für die Schafe einfach ein Umzug. Vielleicht aber auch ein Abschied von den Ferien auf der Alp. Wer weiss das schon, Schafe äussern sich bekanntlich nicht unbedingt so, dass wir sie verstehen. David vielleicht schon, aber ich bestimmt nicht.
Am 20. Dezember, einen Tag vor unserer Familienweihnachtsfeier, wir feiern immer zur Sonnenwende, machte ich mich frühmorgens auf den Weg von der Sonnenrüti hinauf zur Bodenalp. Der Schnee knirschte unter meinen Füssen, der Himmel war blau, die Berge im Morgenlicht malerisch schön, und alles fühlte sich still und weit an. So still, wie es nur kurz vor Weihnachten sein kann.
Unterwegs dachte ich an meine Zeit als Kindergärtnerin zurück, in meinem gefühlt vorletzten Leben. Weihnachtszeit, Weihnachtslieder Krippenspiele und an diese wichtige Frage an die Kinder: „Wer gehört alles zur Weihnachtsgeschichte? Wen brauchen wir für unser Krippenspiel?»
Die Antworten kamen immer in derselben Reihenfolge: Maria. Josef. Das Jesuskind. Die Hirten. Und dann, natürlich, die Schafe. Die Schafe durften nie fehlen. Und viele Kinder liebten es, in die Rolle des Schafes zu schlüpfen. Unter einen Schafspelz. Wichtig zu sein und doch nichts sagen zu müssen. Vielleicht lag es an diesem «Nichts sagen müssen» und trotzdem mitten im Geschehen sein zu dürfen. Vielleicht auch, weil gerade die Schafe irgendwie alles wussten, vielleicht mehr als wir alle glauben. Eine Weihnachtsgeschichte ohne Schafe ist jedenfalls keine richtige Weihnachtsgeschichte.
Und heute würde ich mit Schafen unterwegs sein.
Kurz vor zehn Uhr kam ich auf der Bodenalp an. Die Schafe standen im Stall, es war ruhig, ab und zu ein Blöken. Diese zufriedenen, warmen Geräusche, die man kaum hört, sondern viel mehr spürt. Alles wirkte friedlich, beinahe feierlich. Weihnachten liegt in der Luft. Ein Lämmchen sprang übermütig in der Krippe hin und her, ein Schaf streckte mir neugierig den Kopf entgegen. Ein anderes Lamm trank bei seiner Mutter. Frieden und Ruhe in einer heilen Welt.
Gegen zehn Uhr traf Paula mit den Kindern Joos, Eva und Simon, sowie zwei weiteren Helfern ein. Bevor es losging, machte ich ein paar Fotos; manche Momente muss man festhalten, sonst glaubt man später selbst kaum, dass es sie gegeben hat. Dabei entdeckte ich auch die beiden Esel im Stall. Natürlich Esel. Welche Weihnachtsgeschichte käme schon ohne sie aus?
Bevor wir starteten, gab es Wein und selbstgebackene Weihnachtsguetzli in der gemütlichen, warmen Küche des alten Walserhauses. Auch das gehört zum Stella. Man geht nicht mit 100 Auen, 40 Lämmern und einem Widder um, ohne vorher kurz innezuhalten und auf ein gutes «Stella» anzustossen.
Dann ging es los. Jann, Davids Lehrling, machte sich als erstes mit den Eseln auf den Weg. Paula folgte mit der Herde, Melanie sorgte dafür, dass niemand ausschert, ich machte den Schluss, und David brachte die jüngsten Lämmer sicher mit dem Auto ins Tal.
Anfangs rannten die Schafe. Wirklich. Mit erstaunlicher Begeisterung. Doch bald zeigte sich: Nicht alle hatten dieselbe Vorstellung vom Tagesprogramm. Einige Lämmer entdeckten unter den Fichten Grasbüschel, Moos und vermutlich kulinarische Highlights, die nur für Lämmer sichtbar sind. Der Drang, der Herde zu folgen, nahm deutlich ab.
Bald blieben 11 Lämmer immer mehr zurück. Sie liessen sich kaum mehr motivieren. Erst gab es ein Hin und Her und Rundherum um einzelne Fichten und ich hatte einiges zu tun, um die Lämmer dazu zu bringen, nicht wieder bergwärts abzuhauen. Dann, irgendwann die völlige Verweigerung. Und schliesslich liessen sie sich nicht mehr aufhalten und machten sich auf den Weg zurück Richtung Alp. Sie hörten ihre Mütter nicht mehr rufen, und laut David gibt es dann nur eine Richtung: Zurück dorthin, wo man hergekommen ist. Richtung Stall. Richtung Berg. Richtung „Hier war es doch eigentlich ganz gut“.
Ich rannte. Hoch, runter, kreuz und quer durch den Schnee, unter Fichten hindurch, um Bäume herum. Meine Kondition ist nicht schlecht, aber diese Lämmer waren überzeugt, mir zu zeigen: «Nur weil du etwas willst, heisst das noch lange nicht, dass wir da mitmachen!» Zum Glück sah mich niemand. Ausser den Schafen. Und die waren ohnehin nicht beeindruckt.
Melanie kam mir zu Hilfe. Zu zweit versuchten wir es noch einmal. Vergeblich. Die Schafe machten, was sie wollten, und verstanden absolut nicht, was wir von ihnen wollten. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen: Es sind Schafe.
Und wieder war ich mitten in einer Weihnachtsgeschichte. Verlorene Schafe. Hartnäckige Schafe. Schafe, die gefunden werden, oder zumindest irgendwann doch eingesammelt.
Schliesslich zogen wir mit dem Rest der Herde weiter ins Tal. Bergab ging es zügig, auf den schneefreien Stellen rannten die Tiere, wir hinterher. Langwies, die Kantonsstrasse, das Winterquartier. Angekommen.
Die „verlorenen“ Schafe waren übrigens nie wirklich verloren. David holte sie später mit Auto und Anhänger. Er verliert seine Schafe nicht. Sie machen nur manchmal ihr eigenes Programm.
Für mich endete der Einsatz hier. Das Heimeli rief. Am Abend, zurück in Fläsch, schmückten wir unseren Weihnachtsbaum; mit Musik, Liedern von Hirten, Eseln und natürlich auch von Schafen.
Eine bessere Einstimmung auf Weihnachten hätte ich mir kaum wünschen können. Und irgendwann kam dann auch die Nachricht: Alle Schafe sind zu Hause. Auch die sturen. Auch die eigenwilligen.
Jetzt war wirklich Weihnachten.
Danke, David, dass ich euch begleiten durfte.
Und ja – ich werde ganz sicher noch mehr über eure Arbeit, die Schafe und den Käse erzählen. Eigentlich wollte ich unseren Gästen ja „nur“ zeigen, woher unser feiner Schafkäse kommt. Herausgekommen ist eine Weihnachtsgeschichte. Mit allem, was dazugehört.
Allen treuen Lesern unserer Blogs, allen Heimeli-Gästen, unseren Mitarbeitenden und allen, die zur Heimeli-Familie gehören, unseren Lieferanten, und allen Langwiesern und Sapünern wünsche ich einen wunderschönen Heiligen Abend. Frohe Weihnachten auch an David und Paula mit Joos, Eva und Simeon, Jann und Melanie und natürlich auch an alle Schafe und die beiden Esel.
... und hier noch ein paar Bilder Dazu
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